Irgendwann hat sicher jede und jeder von uns schon mal gemerkt - es ziept und zwackt so hier und da. Die Beweglichkeit lässt nach.
Ob es nun im Rücken, in der Hüfte oder in den Knien zwickt, ob wir beim Sport übertrieben haben oder wieder einmal nur den ganzen Tag gesessen haben, wenn`'s weh tut leiden wir.
Einigen hilft dann Bewegung, anderen gefühlt Ruhe und Wärme, die Nächsten gehen zum Therapeuten ihrer Wahl, wieder andere leiden still vor sich hin und machen sich Sorgen, woher das wohl kommt.
Ist es die Hüfte, oder doch eher der Rücken die Wirbelsäule, gar die Bandscheiben, das Kopfkino findet da schnell Bilder.
Was können wir tun um aus dem Gedankenkarussell wieder in die Bewegung zu kommen?
Nehmen wir das klassische Beispiel es zieht im untern Rücken und strahlt vielleicht noch ins Bein aus.
Kann die Lendenwirbelsäule sein, die Bandscheiben, das ISG (Ileosacralgelenk), ein verschobenes Becken, die Hüft oder das Hüftgelenk selber, vielleicht auch ein verdrehtes Knie oder ein Knöchel.
Wenn uns gerade keine akute Verletzung oder Überlastung einfällt, dann könnten wir doch mal vorsichtige Bewegungen testen und schauen, ob sich die Spannung im Körper verändert
Dabei geht es vor allem um die Propriozeption (die Gelenkwahrnehmung), das Gleichgewicht und langsame, kontrollierte Bewegungen um unser Gespür und die Körperwahrnehmung wieder zu schulen.
Denn wenn wir davon ausgehen, dass die Rezeptoren und die Wahrnehmung der Hüfte eine Rolle spielen, dann sollten die Übungen nicht nur Kraft trainieren, sondern vor allem die Qualität der Informationen verbessern, die das Gehirn aus der Hüfte erhält.
Wie immer würde ich erstmal die Ausgangssituation testen um ein Gespür für meinen Körper und die aktuelle Situation zu bekommen:
hüftbreit stehen, reinspüren, fühlen sich beide Beine und Körperhälften gleich an
die Hüfte leicht von einer Seite zu anderen schieben, leicht kreisen,
jeweils ein Bein vor- und zurückbewegen oder zur Seite.
die Knie leicht anheben und mit den Unterschenkel sanfte Bewegungen in alle Richtungen
mit den Schultern kreisen, die Arme seitlich und nach vorne und hinten schwingen,
den Kopf sanft seitlich neigen und drehen. Reinspüren wie der Bewegungsradius ist.
auch nach vorne beugen, soweit es geht und sich das merken.
Bei Kreislaufbeschwerden oder Gleichgewichtsproblemen, bitte immer für seitlichen Halt sorgen.
1. Die Hüfte wieder "spüren" lernen
Seitwärts Schieben der Hüfte
Versuchen, die Hüfte auf einer geraden Linie vorsichtig von links nach rechts und von rechts nach links zu schieben ohne das sich der Oberkörper mit bewegt. Wie fühlt sich das an?
Langsames Hüftkreisen
Im Stand ganz langsam kleine Kreise mit der Hüfte beschreiben.
Nicht möglichst weit, sondern möglichst gleichmäßig.
Wichtig: Langsamkeit verbessert häufig die Wahrnehmung.
Becken-Oberschenkel-Knie-Uhr
Nun legen wir uns in Rückenlage auf den Boden, soweit uns das möglich ist.
Im Liegen die Knie aufstellen. Die Knie dann langsam langsam im und gegen der Uhrzeigersinn im Kreis bewegen und spüren, wo sich Spannungen zeigen.
Becken anheben
Nun im Liegen , die Knie wieder aufstellen und langsam das Becken anheben als wenn wir eine Brücke machen wollen, nur soweit es geht und einen Augenblick halten, dann langsam wieder abrollen und die Beine ausstrecken. Das können wir ruhig einige Male wieder holen, wenn wir mögen.
Wie sind bis hierher die Erfahrungen bei so langsamen und sanften Übungen? Meist machen wir die Übungen ja eher mit Tempo oder Kraft, hier geht es gerade eher um das Wahrnehmen und die Neuverknüpfung unserer Nervenzellen mit den Gelenken und unseren Bewegungsabläufen.
2. Gleichgewicht trainieren
Einbeinstand
Versuche 30–60 Sekunden auf einem Bein zu stehen. Bei Schwindel oder Problemen, erstmal mit Festhalten.
Später, wenn du dich sicher fühlst, kannst du auch die Augen schließen oder den Kopf leicht drehen,
Dadurch müssen Hüfte, Fuß und Gehirn viel intensiver zusammenarbeiten.
Sternschritte
Ein Bein ist das Standbein auf dem das Gewicht lastet.
Mit dem anderen Fuß langsam nach vorne, hinten und seitlich tippen.
Die Hüfte bleibt möglichst ruhig.
Diese Übung trainiert die Stabilität der Hüfte deutlich besser als viele klassische Kräftigungsübungen.
3. Kleine Bewegungen unter Belastung
Mini-Kniebeugen
Hier geht es nicht um tief herunter beugen, wenige Zentimeter reichen.
Mache die Bewegung langsam.
Dabei bewusst wahrnehmen:
"Wie fühlt sich die Belastung rechts und links an?"
Nicht möglichst viele Wiederholungen. Sondern möglichst gute Wahrnehmung, belaste ich beide Beine gleich..
Langsame Ausfallschritte
Auch hier gilt, sanfte Ausfallschritte nach vorne oder zur Seite, nicht tief, sondern bewusst und kontrolliert.
Wenn Schmerz spürbar ist oder ziehen, ist das schon zuviel.
Das Gehirn soll dadurch lernen, Gewichtsverlagerungen besser zu steuern und sich wieder sicher fühlen.
4. Unterschiedliche Reize
Unser Gehirn und die Rezeptoren lieben Abwechslung.
Zum Beispiel kannst du barfuß laufen, ob daheim oder draußen im Gras, im Sand oder am Strand, im Wasser.
Auch mit Schuhen bieten unterschiedliche Böden, wie Waldboden oder Kieswege neue Reize fürs Gehirn und die Füsse.
Wenn du daheim Balancebretter oder Balancekissen hast kannst du auch die zwischendrin zum Reinspüren nutzen.
Es geht bei allen Übungen nicht um Kraft sondern nur um neue neuronale Impulse fürs Gehirn und Gleichgewichtssystem.
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Und was ist mit den Faszien?
.Das werde ich in der Praxis auch immer wieder gefragt. Viele haben daheim ihre Faszienrollen oder Bälle liegen, einige empfinden es sogar als angenehm damit zu arbeiten. Viele auch nur als schmerzhaft.
Ja verklebte Faszien können sehr weh tun - ich arbeite auch mit der DAWOS -Methode- da wo es weh tut und ich weiß aus eigener Erfahrung wie weh es tun kann verklebte Strukturen und Spannungen wieder zu lösen.
Einen Vorteil hat die Faszienrolle ebenso wie die DAWOS-Methode, sie stimuliert auch die ganzen Rezeptoren in der Haut und im Bindegewebe. Das sendet dann ständig neue Impulse ans Gehirn und hilft die sensorische Wahrnehmung von Schmerz und Schonhaltung zu verändern.
Wie immer ist die Dosierung entscheidend und von daher oft ist weniger mehr. Denn nur was unser Nervensystem gut und sicher wahrnimmt, kann es auch gut steuern. Es macht keinen Sinn einem traumatisierten Gewebe weitere Traumen zu zufügen und damit den Alarmmodus hoch zu halten.
In diesem Sinne, wünsche ich ein achtsames und behutsamen Spüren und Üben.
Und ja wer mehr wissen will, darf mich gerne kontaktieren für einen Termin.
Wenn wir an die Hüfte denken, dann zumeist, weil wir meinen, wir haben ein paar Kilo zu viel auf den Hüften, oder die Hüfte schmerzt. Dann fallen uns meist Knorpelabnutzung, Gelenke, Bänder, Sehnen und Faszien ein, ebenso wie Arthrose und Arthritis oder im schlimmsten Fall die Hüftgelenks-OP.
Unsere Hüftgelenke verbinden den Rumpf mit den Beinen, es sind Kugelgelenke, die aus einer Hüftpfanne und einem darin gleitenden Hüftkopf bestehen. Eine Gelenklippe, das sogenannte Labrum ( https://gelenk-klinik.de/orthopaedie-glossar/labrum.html) vergrößert diese Auflagefläche und verbessert die Gleitfähigkeit und die Kraftübertragung
Aktuelle Erkenntnisse zeigen, dass auch Rezeptoren im Labrum und in der Gelenkkapsel sowie das Nervensystem entscheidend dazu beitragen, wie wir Schmerzen und Bewegung wahrnehmen.
Das Labrum – ein unterschätztes „Sinnesorgan“?
Lange Zeit ging man davon aus, dass das Labrum hauptsächlich die Gelenkpfanne vergrößert und den Hüftkopf stabilisiert. Heute wissen wir, dass es reich mit Nervenfasern versorgt ist. Neben schmerzleitenden Nerven finden sich dort auch Mechanorezeptoren – spezialisierte Sinneszellen, die auf Druck, Zug und Bewegung reagieren.
Diese Rezeptoren liefern dem Gehirn fortlaufend Informationen über die Stellung und Belastung des Hüftgelenks.
Man könnte sagen: Das Labrum hilft dem Gehirn dabei, zu erkennen, wie sich die Hüfte bewegt.
Nicht nur das Labrum, sondern auch die Gelenkkapsel ist reich an Mechanorezeptoren.
Dazu gehören unter anderem:
Pacini-Körperchen, die besonders auf Druck und schnelle Bewegungen sowie Vibrationen reagieren.
Ruffini-Körperchen, die langsame Dehnungen und Gelenkstellungen registrieren.
Golgi-Sehnenorgane, die vor allem Spannungsveränderungen wahrnehmen.
Bei jedem Schritt senden diese Rezeptoren Informationen an das Nervensystem. Erst dadurch kann unser Gehirn Bewegungen präzise steuern.
Warum ist das Nervensystem so wichtig bei Hüftschmerzen?
Jede Bewegung entsteht aus einem ständigen Austausch zwischen Körper und Nervensystem.
Während wir gehen, Treppen steigen oder uns bücken, erhält das Gehirn ununterbrochen Rückmeldungen aus Muskeln, Sehnen, Haut, Bändern und Gelenken. Erst aus dieser Vielzahl an Informationen entsteht eine koordinierte Bewegung.
Verändert sich diese Rückmeldung – beispielsweise nach einer Verletzung, ob im Sport oder nach einem einfachen Umknicken des Fußes kann sich die Bewegungssteuerung verändern. Ebenso bei einer Operation oder durch anhaltende Schmerzen – der Körper versucht den Bereich zu schonen und uns zu schützen, das führt zu einer erhöhten Anspannung in Muskeln, Faszien und Bindegewebe .
Die Beschwerden werden anfänglich oft nicht so sehr als Schmerz wahrgenommen, sondern mehr als Unsicherheit oder Verspannung, es gibt dann Aussagen wie:
„Meine Hüfte fühlt sich irgendwie unsicher oder Wackelig an.“
„Ich kann diese oder jene Bewegung schlecht kontrollieren.“ z.B. beim Treppensteigen fühlt sich ein Bein anders an
„Ich habe das Gefühl, meiner Hüfte nicht mehr zu vertrauen.“ ich halte mich vielleicht öfter an irgendwas fest
Solche Empfindungen hängen nicht zwangsläufig mit Abnutzung oder einer mechanischen Instabilität zusammen. Sie können auch mit einer veränderten sensorischen Verarbeitung zusammenhängen. Sie müssen ihre Ursache nicht mal in der Hüfte haben, wie gesagt auch ein verknackster Knöchel kann solche Reaktionen auslösen.
Wenn es also Missempfindungen in der Hüfte oder in den Beinen gibt, wie wäre es mit einigen Übungen?
Drei einfache Übungen zur Verbesserung der Hüftwahrnehmung
Erstmal die Ausgangssituation testen, im Stehen, hüftbreit, die Hüfte leicht von einer Seite zu anderen schieben, leicht kreisen, jeweils ein Bein vor- und zurückbewegen oder zur Seite.
Mit den Schultern kreisen, die Arme seitlich und nach vorne und hinten schwingen, den Kopf sanft seitlich drehen. Reinspüren wie der Bwegungsradius ist.
Auch nach vorne beugen, soweit es geht und sich das merken.
1. Die Hüftuhr
Nun auf den Rücken legen und ein Bein anstellen.
Das Knie langsam in verschiedene Richtungen in einer sanften Kreisbewegung– als würden die Zahlen einer Uhr sanft nachgemalt bewegen.
Nicht weit. Nicht schnell.
Es geht nur ums Wahrnehmen, wie sich die Bewegung in der Hüfte anfühlt, ob irgendwo Spannung ist, ob der Rücken aufliegt, oder es ein Hohlkreuz gibt.
Wie fühlt sich die andere Hüfte an? Wie die Knie oder die Sprunggelenke?
2. Gewichtsverlagerung im Stand
Wir stehen hüftbreit.
Nun verlagern wir das Gewicht langsam von einem Bein auf das andere.
Wir spüren bewusst, wann das Gewicht vollständig auf einer Seite angekommen ist.
Diese einfache Übung trainiert nicht nur die Hüfte, sondern auch Fuß, Knie und das Gleichgewichtssystem.
Nun können wir auch noch ein Bein leicht nach hinten stellen und die Füße mit den Zehen nach hinten zeigend leicht vor und zurück rollen. Mit dem anderen Bein auch ausprobieren.
3. Langsames Gehen
Gehen wir nun einige Schritte bewusst langsamer als gewohnt.
Was beobachten wir?
Wann berührt die Ferse den Boden?
Wann übernimmt die Hüfte das Körpergewicht?
Wie bewegt sich das Becken?
Oft entstehen dabei neue Eindrücke, die im schnellen Alltag kaum wahrgenommen werden.
Nun können wir noch einmal den Test vom Anfang machen, wie bewegt sich die Hüfte seitlich, die Beine vor- und zurück, wie weit geht ein nach Vorne beugen, wie fühlt sich der Schulterbereich an und die Beweglichkeit des Kopfes?
Artho-von Gelenk und Kinetik-von Bewegung bedeutet, wie amerikanische Physiotherapeuten herausfanden, das bestimmte Gelenkbewegungen reflexartige Muskelreaktionen auslösen. Diese Reflexe dienen eigentlich als Schutzmechanismus um die Gelenke zu schützen, können aber auch die Kraft und Leistung von Gelenken enorm beeinträchtigen.
Viele Informationen kommen von den oben schon genannten Mechanorezeptoren, wie Ruffini Körperchen und Golgiapparat, die sich in den Muskeln, Sehnen und Faszien befinden.
Die Faszien sind gleichzeitig unser großes auch emotionales Gedächtnis und speichern dazu alle Emotionen die mit einem Unfall oder einer Verletzung einhergehen. Das führt dann oft zu langen andauerndem Schmerzgedächtnis, auch wenn die eigentliche Verletzung längst ausgeheilt ist.
Der Körper schützt uns also weiter, wir bleiben in der Kompensationshaltung und verlieren ggf. immer mehr Kraft in einzelnen Gelenken, Muskeln und Sehnen und bauen immer mehr Spannung im Körper auf.
Wie kommen wir aus diesem Kreislauf wieder raus bzw. was bedeutet das für die Therapie ?
Wenn eine Struktur im Körper Informationen an das Nervensystem liefert, stellt sich eine spannende Frage:
Kann man diese sensorische Funktion gezielt unterstützen?
Die Forschung liefert darauf noch keine abschließende Antwort. Dennoch gibt es gute Gründe, neben Kraft und Beweglichkeit auch die Körperwahrnehmung und Bewegungsqualität zu trainieren.
Ich denke es gibt gute Ansätze sowohl über Faszientherapie oder Akupressur verklebte Muskeln und Faszien zu lösen, wie über sanfte Übungen dem Körper wieder Vertrauen zu geben. Ebenso wichtig ist es das Vegetative Nervensystem zu entspannen, den ein Vagus unter Strom wird auch die Heilung blockieren und die Reizweiterleitung im Körper sabotieren.
Emotionale Themen die ggf bei solchen Behandlungen zum Vorschein kommen, dürfen angeschaut und gelöst werden, denn nur wenn Körper, Seele und Geist wieder als Ganzes betrachtet werden, kann sich der ganze Mensch wieder regenerieren.
Mein Fazit
Welche Rolle diese sensorischen Informationen bei Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Einzelfall spielen, wird derzeit intensiv erforscht. Schon heute spricht jedoch vieles dafür, in der Therapie nicht nur Kraft und Beweglichkeit zu fördern, sondern auch die Qualität der Wahrnehmung und Bewegung.
Ich selber arbeite bei meinen Klienten gerne auf verschiedenen Ebenen und Wegen, da jeder Mensch einzigartig ist und daher gibt es bei mir kein Allgemeinrezept. Mal beginnen wir mit den verklebten Muskeln und Faszien, mal mit einer Vagus-Entspannung oder mit der Lösung von emotionalen Blockaden.
Mein Motto ist immer: Der Körper gibt es vor, ich brauche nur zu lauschen und ihn zu unterstützen.
Bildnachweis: Canva pro, und ein Canva Ki generiertes Bild einer Hüfte
Letzte Woche saß mir eine Klientin im Coaching gegenüber.
42 Jahre alt. Projektleiterin in einem großen Architekturbüro. Kreativ, verantwortungsbewusst und bei allen beliebt.
Und trotzdem war sie völlig erschöpft.
Sie schaute mich an und sagte:
"Nach drei Stunden Teammeeting oder einem langen Tag auf der Baustelle bin ich einfach leer. Die anderen gehen danach noch zusammen einen Kaffee oder Wein trinken. Ich möchte nur noch nach Hause und niemanden mehr hören."
Dann kam die Frage, die ich so oft höre:
"Was stimmt eigentlich nicht mit mir?"
Ich musste lächeln.
"Gar nichts", sagte ich.
Denn genau das habe ich selbst viele Jahre geglaubt. Als Innenarchitektin. Später in meiner Selbstständigkeit. Ich dachte immer, ich müsste einfach belastbarer werden.
Heute weiß ich: Das geht auf Dauer nicht
In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die alles sehr intensiv wahrnehmen.
Sie hören nicht nur Worte. Sie spüren Stimmungen.
Sie sehen Zusammenhänge.
Sie denken gründlich nach, bevor sie sprechen.
Das Problem ist nicht ihre Feinfühligkeit.
Das Problem ist, dass viele Unternehmen noch immer erwarten, dass alle Menschen gleich arbeiten.
Was feinfühlige Menschen wirklich brauchen (und was ihnen eher schadet)
Lass mich dir von einem typischen Szenario erzählen.
Ein Team-Meeting. Zehn Personen um einen Tisch. Die Führungskraft stellt eine Frage: „Was haltet ihr von der neuen Strategie? Ich brauche sofort Feedback."
Drei Kollegen reden gleichzeitig los. Sie haben spontane Meinungen, werfen Ideen hin, diskutieren laut. Die Führungskraft nickt zufrieden. „Gut, danke. Ihr seid engagiert."
Am Ende des Tisches sitzt Jana. Sie hat die Strategie gelesen. Dreimal. Sie hat nachts darüber nachgedacht. Sie hat zehn Aspekte gesehen – Chancen, Risiken, Widersprüche, blinde Flecken. Sie würde gerne etwas sagen.
„Jana, du warst heute so still. Ist alles okay?"
Nein, ist es nicht. Aber sie sagt: „Ja, alles gut."
Jana war nicht still, weil sie nichts zu sagen hatte. Im Gegenteil. Ihr Kopf war voller Gedanken. Während andere ihre erste Idee aussprachen, sortierte sie noch zehn Zusammenhänge. Als sie bereit gewesen wäre, war das Gespräch längst vorbei.
Was hier passiert ist:
Jana ist nicht „schüchtern". Sie ist nicht „unengagiert". Sie ist nicht „zu langsam".
Sie verarbeitet anders.
Und genau diese Tiefe – diese Gabe – wird in schnellen, lauten, druckgetriebenen Strukturen übersehen.
Die häufigsten Führungsfehler im Umgang mit feinfühligen Menschen
Ich habe in den letzten Jahren viele Gespräche und Coachings geführt – mit Selbstständigen, Führungskräften, Teammitgliedern. Und immer wieder tauchen die gleichen Muster auf. Hier sind einige der Fehler, die ich immer wieder beobachte:
1. „Nimm's nicht so persönlich"
Es gibt einen Satz, den viele feinfühlige Menschen schon unzählige Male gehört haben:
"Nimm das doch nicht so persönlich."
Meist ist er gut gemeint.
Trotzdem tut er weh.
Denn wer intensiv wahrnimmt, kann Gefühle nicht einfach abschalten. Genauso wenig, wie jemand auf Knopfdruck nichts mehr hören oder sehen kann.
Zu sagen „Nimm's nicht so persönlich" ist wie jemandem mit empfindlicher Haut zu sagen: „Fühl halt nicht, wenn es juckt."
Was stattdessen hilft: „Ich sehe, dass dich das beschäftigt. Lass uns in Ruhe darüber sprechen."
2. Zu viele Reize
Viele moderne Büros sind für extrovertierte Menschen gebaut, Großraumbüros, offene Räume. Ständiger Austausch. „Wir sind ein Team!"
Für feinfühlige und sensible Menschen ist das oft die Hölle. Nicht weil sie keine Menschen mögen. Sondern weil jedes Gespräch, jedes Telefonat, jeder Lacher – alles wird wahrgenommen und mitverarbeitet. Jeder zusätzliche Reiz nimmt unnötig Energie in Anspruch und fordert die Menschen immer mehr heraus. Das ist wie ständiges "Multitasking für Männer", Scherzhaft gemeint.
Was stattdessen hilft: Rückzugsorte. Ruhezonen. Homeoffice-Optionen. Die Erlaubnis, Türen zu schließen. Struktur, die keine ständige Verfügbarkeit voraussetzt.
3. „Ich brauche das bis heute Abend – sofort!"
In meiner Arbeit erlebe ich oft was Menschen alles Großartiges schaffen. Aber nicht unbedingt unter Zeitdruck.
Sie brauchen Zeit, um nachzudenken. Um Szenarien durchzuspielen. Um zu spüren, ob etwas stimmig ist. Wenn du sie drängst, blockieren sie. Nicht aus Unwillen – sondern weil ihr System so funktioniert.
Ich erinnere mich an einen Klienten, einen Designer. Sein Chef sagte immer: „Du denkst zu viel. Mach einfach!"
Aber wenn er „einfach machte", war das Ergebnis mittelmäßig. Wenn er Zeit hatte, entstand Brillanz.
Was stattdessen hilft: „Ich brauche deine Einschätzung bis Freitag. Nimm dir Zeit, es durchzudenken." Vorlaufzeit ist bei feinfühligen Menschen eine Investition in Qualität.
Wie gute Führung von feinfühligen Menschen aussieht
Jetzt kommt die gute Nachricht: Wenn du feinfühlige Menschen richtig führst, entfalten sie ein Potenzial, das Gold wert ist.
Hier sind einige Prinzipien, die ich in meiner Arbeit immer wieder sehe – und die funktionieren:
1. Schaffe Raum für Tiefe
Feinfühlige Menschen denken nicht schnell. Sie denken tief.
Sie sind die, die drei Wochen nach einem Meeting sagen: „Ich hab nochmal über das Projekt nachgedacht. Mir ist da etwas aufgefallen." Und dann zeigen sie dir einen blinden Fleck, den bis dahin keiner gesehen hat.
In der Praxis: heißt das: Gib ihnen Zeit. Schick ihnen im Vorfeld die Agenda. Frag nicht sofort: „ Und, was denkst du jetzt?" Sondern: „Magst du bis übermorgen oder bis zum nächsten Meeting drüber nachdenken?"
2. Setze ihre Stärken gezielt ein
Feinfühlige Menschen sind brilliant in:
Qualitätssicherung (sie sehen Fehler, bevor sie passieren)
Strategieentwicklung (sie denken in Zusammenhängen)
Konfliktfrüherkennung (sie spüren Spannungen, bevor sie eskalieren)
Konzeption und Planung (sie durchdenken Szenarien)
Sie sind nicht brilliant in:
Kaltakquise
Hochdruck-Verhandlungen
Ständigem Multitasking
Spontanen Entscheidungen vor großem Publikum
In der Praxis: Nutze diese ihre Talente und lass sie analysieren, konzipieren, hinterfragen. Aber zwing sie nicht in Rollen, die gegen ihre Natur arbeiten.
3. Feedback mit Feingefühl
Feinfühlige Menschen brauchen Feedback. Dringend sogar. Aber anders.
Nicht einfach nur: „Das war nicht gut." Sondern: „Ich hab gesehen, wie viel Mühe du dir gegeben hast. Hier habe ich markiert, was schon stark ist. Und hier könnten wir, bzw. du noch nacharbeiten."
In der Praxis: Sandwich-Feedback funktioniert nicht. Das wirkt manipulativ, gerade bei feinfühligen Menschen. Aber ehrliches, differenziertes Feedback – das gibt Sicherheit.
4. Energiemanagement statt Zeitmanagement
Feinfühlige Menschen arbeiten nicht in „Stunden". Sie arbeiten in Energie-Zyklen.
Zwei Stunden konzentrierte, ruhige Arbeit können produktiver sein als acht Stunden in einem hektischen Büro.
In der Praxis: Frag nicht: „Wie viele Stunden hast du gearbeitet?" Frag: „Hattest du die Ruhe, die du brauchst, um gut zu arbeiten?"
5. Schütze sie vor Reizüberflutung
Manche Meetings sind notwendig. Manche nicht.
Feinfühlige Menschen profitieren davon, wenn du ehrlich fragst: „Brauchst du wirklich dabei sein? Oder reicht eine kurze Zusammenfassung?"
In der Praxis: „Du kannst gerne rausgehen, wenn's zu viel wird. Kein Problem."
Das zu hören, nimmt schon Druck.
Was du jetzt tun kannst
Wenn du diesen Artikel bis hierher gelesen hast, bist du wahrscheinlich selbst feinfühlig. Oder du führst jemanden, der es ist.
Hier sind drei konkrete Schritte:
Als Führungskraft:
Reflektiere: Wer in deinem Team ist feinfühlig? (Tipp: Es sind oft die Stillen, die Nachdenklichen, die „zu Gründlichen".)
Frag nach: „Was brauchst du, um gut arbeiten zu können?" (Die Antwort wird dich überraschen.)
Schaffe Raum: Ein ruhiger Raum. Eine Tür, die man schließen darf. Vorlaufzeit für Entscheidungen. Das kostet fast nichts – und bewirkt viel.
Als feinfühliger Mensch:
Erkenne deine Art an: Du bist nicht „zu sensibel". Du bist anders sensibel. Das ist eine Gabe.
Kommuniziere deine Bedürfnisse: „Ich arbeite besser, wenn ich vorher Zeit zum Nachdenken habe." Das ist keine Schwäche. Das ist Selbstkenntnis.
Such dir Umgebungen, die dich sehen: Nicht jedes Team, nicht jede Firma ist für dich gemacht. Und das ist okay.
Mein persönliches Fazit
Ich glaube, dass wir heute in einer Welt leben, die laute und schnelle Menschen bevorzugt. Rasche Entscheidungen, sichtbare Leistung, Durchsetzungskraft und ein Multitasking aus allen Ebenen, ständig und überall online sein und sofort reagieren.
Aber die Welt braucht auch die stillen, die nachdenklichen, die feinfühligen und sensiblen Menschen. Ebenso wie die Welt Tag und Nacht braucht oder Sonne und Mond, Licht und Schatten.
Das sind die Menschen, die uns vor Fehlern bewahren, in der Qualitätssicherung helfen und letztlich auch Ruhe und Struktur in den Alltag bringen.
Wenn wir lernen, sie richtig zu führen – zu sehen – dann entfalten sie ein Potenzial, das unbezahlbar ist.
Nicht trotz ihrer Feinfühligkeit. Wegen ihr.
warum mir das so wichtig ist: ichbegleite in meiner Praxis immer wieder feinfühlige Menschen und Selbstständige auf ihrem Weg zu mehr Klarheit und zur passenden Arbeits- und Lebensweise und sehe oft das stille Leiden hinter deren Geschichte. Daher ist es mit ein Anliegen dort mehr Verständnis und gegenseitiges Wohlwollen zu fördern.
Hat dir dieser Artikel geholfen? Dann teile ihn gerne mit Menschen, die ihn brauchen könnten.
Und wenn du selbst feinfühlig bist und spürst, dass die Art, wie du arbeitest, nicht zu den Erwartungen passt – ich bin für dich da.
Seit vielen Jahren halte ich meinen Jahresüberblick schriftlich und zeichnerisch fest – in Form eines Rauhnachtsbüchleins. In der magischen Zeit rund um Weihnachten ziehe ich für jeden Monat eine Tarotkarte (oder eine andere Inspirationskarte) und notiere dazu meine Gedanken und Träume.
Auch kreativ bearbeite ich diese Notizen, oft in Form von Zeichnungen. Vom 8. Dezember an, dem sogenannten Annatag, nutze ich die Zeit der „Sperrnächte“, um das vergangene Jahr zu reflektieren.
Ich schaue mir meine Notizen und Zeichnungen aus den Rauhnächten an, vergleiche sie mit dem, was im Rückblick noch in mir aufkommt, und erstelle eine neue To-Do-Liste für das kommende Jahr.
Oder es gibt die Feststellung es ist wieder vieles von dem was ich noch an Träumen im Herzen trage liegen geblieben, dafür kann ich mir dann ja auch eine neue Bucket-Liste oder auf deutsch Löffelliste (vom englischen kick the bucket - den Löffel abgeben, sterben) machen, für die Dinge die ich unbedingt tun möchte im neuen Jahr, auf jeden Fall aber noch in diesem Leben.
Zu den Sperrnächten und Rauhnächten schenke ich dir gerne zwei kleine PDF-Büchlein, die du dir kostenfrei hier jeweils zu den Rauhnächten anfordern kannst. Ebenfalls kannst du dich auf der Seite zu einem kleinen kostenfreien Webinar anmelden zum Thema was sind die Sperr- und Rauhnächte und wie kann ich damit arbeiten.
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, Die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Zweigen nur, Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.
(Christian Friedrich Hebbel, 1813-1863)
Herbsttag
Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Fluren laß die Winde los. Befiehl den letzten Früchten reif zu sein gib Ihnen noch zwei südlichere Tage dräng sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben und wird auf den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
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